Saatgut selbst gewinnen: von Bohnen und Tomaten bis Kürbis, Möhre und Kohl
So erntest du eigenes Saatgut: welche Gemüse sich für den Anfang eignen, Selbst- und Fremdbestäuber, Abstände gegen Verkreuzung, Tomatensamen fermentieren, Samen trocknen, reinigen und beschriften.
Eigenes Saatgut zu ernten, schließt einen Kreis: Aus der Bohne, die du im Mai gelegt hast, werden im Herbst die Bohnen für das nächste Jahr. Über die Jahre passen sich die Pflanzen an deinen Garten, deinen Boden und dein Klima an, du sparst Geld und hilfst, alte Sorten zu erhalten, die es im Handel kaum noch gibt. Manche Gemüse machen es dir leicht, bei anderen braucht es Wissen über Bestäubung, Abstände und zweijährige Kulturen. Dieser Ratgeber erklärt die Grundlagen und zeigt, womit du am besten anfängst.
Das Wichtigste in Kürze
- Nur samenfeste Sorten bringen Nachkommen, die der Mutterpflanze gleichen. Aus F1-Hybriden entstehen unterschiedliche, oft schwächere Pflanzen.
- Leicht für den Anfang: Bohnen, Erbsen, Tomaten, Salat und Paprika. Sie bestäuben sich überwiegend selbst.
- Schwieriger: Kürbis, Zucchini, Gurken, Mais, Möhren, Kohl, Rote Bete. Sie verkreuzen sich leicht, und manche blühen erst im zweiten Jahr.
- Ernte Samen nur von den gesündesten, typischsten Pflanzen, bei Fremdbestäubern von mehreren Pflanzen.
- Samen müssen vollständig trocken sein, bevor du sie kühl, dunkel und beschriftet lagerst.
Samenfest oder F1?
Die wichtigste Voraussetzung ist eine samenfeste Sorte. Bei ihr gleichen die Nachkommen der Mutterpflanze, wenn sie nicht mit einer anderen Sorte verkreuzt wurden. F1-Hybriden dagegen entstehen aus der Kreuzung zweier Elternlinien. Sie sind in der ersten Generation einheitlich und oft sehr ertragreich, ihre Samen spalten sich aber in der nächsten Generation in ganz unterschiedliche Pflanzen auf. Auf Samentüten steht „F1“ meist hinter dem Sortennamen. Mehr dazu erklärt Samenfest oder F1-Hybride.
Selbstbestäuber und Fremdbestäuber
| Gruppe | Gemüse | Was du beachten musst |
|---|---|---|
| überwiegend Selbstbestäuber | Bohnen, Erbsen, Tomaten, Salat, Paprika | einfach, geringe Abstände zwischen Sorten genügen meist |
| Fremdbestäuber durch Insekten | Kürbis, Zucchini, Gurken, Kohl, Möhren, Zwiebeln, Rettich | verkreuzen sich mit anderen Sorten derselben Art, große Abstände oder Handbestäubung nötig |
| Fremdbestäuber durch Wind | Mais, Spinat, Rote Bete, Mangold | Pollen fliegt weit, große Abstände nötig |
Verkreuzung bedeutet: Pollen einer anderen Sorte derselben Art befruchtet deine Pflanze. Die Früchte in diesem Jahr sehen normal aus, aber die Samen darin tragen eine Mischung beider Sorten. Bei Zucchini kann das sogar zu bitteren Früchten in der nächsten Generation führen. Gartenkürbis, Zucchini und viele Zierkürbisse gehören zur selben Art und verkreuzen sich untereinander. Mehr über Bitterstoffe steht in Zucchini und Kürbis anbauen.
Der leichte Einstieg
Bohnen und Erbsen
Lass einige der kräftigsten Pflanzen stehen und ernte von ihnen keine grünen Hülsen. Die Hülsen reifen an der Pflanze aus, werden gelb, trocken und pergamentartig, und die Bohnen darin rascheln. Ernte sie bei trockenem Wetter. Steht feuchtes Wetter bevor, ziehst du die ganzen Pflanzen heraus und hängst sie kopfüber an einem luftigen, trockenen Ort zum Nachtrocknen auf. Danach öffnest du die Hülsen und lässt die Samen noch eine bis zwei Wochen nachtrocknen. Bohnen sind trocken genug, wenn sie beim Draufbeißen nicht mehr nachgeben. Wie Bohnen angebaut werden, steht in Buschbohnen und Stangenbohnen anbauen.
Tipp gegen Bohnenkäfer: Gelagerte Bohnen können von Samenkäfern befallen sein, die aus kleinen runden Löchern schlüpfen. Lege die getrockneten Samen für einige Tage ins Gefrierfach, bevor du sie einlagerst.
Tomaten: die Nassmethode
Tomatensamen sind in eine gelartige Hülle eingebettet, die das Keimen in der Frucht verhindert. Diese Hülle löst du durch Gärung:
- Wähle eine voll ausgereifte, gesunde Frucht einer samenfesten Sorte.
- Halbiere die Tomate und kratze Samen und Saft in ein Glas.
- Gib ein wenig Wasser dazu und stelle das Glas zwei bis drei Tage bei Zimmertemperatur auf. Auf der Oberfläche bildet sich ein Schimmelfilm. Das ist gewollt.
- Fülle das Glas mit Wasser auf und rühre um. Gute Samen sinken nach unten, Fruchtfleisch und taube Samen schwimmen oben und werden abgegossen. Wiederhole das, bis die Samen sauber sind.
- Gieße die Samen durch ein feines Sieb und verteile sie dünn auf einem Teller oder Kaffeefilter. Küchenpapier ist ungünstig, weil die Samen daran festkleben.
- Lass sie an einem warmen, luftigen Ort ohne direkte Sonne eine bis zwei Wochen trocknen.
Tomaten bestäuben sich überwiegend selbst. Wenn du mehrere Sorten nebeneinander hast, halte etwas Abstand oder ernte von Pflanzen in der Mitte der Reihe, um seltene Insektenkreuzungen zu vermeiden. Mehr zum Tomatenanbau steht in Tomaten im Freiland.
Salat
Lass einige Salatpflanzen schießen. Sie bilden einen hohen Blütenstängel mit vielen kleinen gelben Blüten und danach weißen Federschirmchen, ähnlich wie Löwenzahn. Schneide die Stängel ab, wenn etwa die Hälfte der Blüten Federn zeigt, und lass sie kopfüber in einer Papiertüte nachreifen. Dann schüttelst du die Samen heraus.
Für Fortgeschrittene
Kürbis, Zucchini, Gurken
Um reines Saatgut zu bekommen, bestäubst du einzelne Blüten von Hand: Verschließe am Vorabend eine männliche und eine weibliche Blüte, die am nächsten Morgen aufgehen werden, mit einem Klebeband oder einer Klammer. Am Morgen pflückst du die männliche Blüte, entfernst die Blütenblätter und streichst den Pollen auf die Narbe der weiblichen Blüte. Dann verschließt du die weibliche Blüte wieder und markierst die Frucht. Lass sie vollständig ausreifen, bis sie hart ist, und nimm die Samen erst nach einigen Wochen Lagerung heraus. Wasche sie und lass sie gründlich trocknen.
Zweijährige Gemüse
Möhren, Kohl, Rote Bete, Mangold, Zwiebeln, Lauch und Pastinaken blühen erst im zweiten Jahr. Du überwinterst die schönsten Pflanzen im Beet oder als Rüben im Keller und pflanzt sie im Frühjahr wieder aus. Bei Möhren besteht die Gefahr der Verkreuzung mit der Wilden Möhre, die an vielen Wegrändern wächst. Bei Kohl verkreuzen sich alle Kohlarten wie Weißkohl, Wirsing, Brokkoli, Kohlrabi und Grünkohl untereinander. Hier brauchst du große Abstände oder Insektennetze und viele Pflanzen.
Auswahl und Vielfalt
Ernte Samen nur von Pflanzen, die gesund sind, gut gewachsen sind und die typischen Eigenschaften der Sorte zeigen. Wer immer die frühesten oder schönsten Früchte nimmt, verbessert die Sorte über die Jahre für den eigenen Garten. Bei Fremdbestäubern wie Kürbis, Mais oder Kohl solltest du Samen von mehreren Pflanzen ernten und mischen, damit die Sorte nicht durch Inzucht schwächer wird.
Trocknen, reinigen, beschriften
- Samen müssen vollständig trocken sein, bevor du sie verpackst. Feuchte Samen schimmeln oder keimen in der Tüte.
- Entferne Hülsen, Spelzen und Staub durch Sieben oder vorsichtiges Pusten über einer Schüssel.
- Fülle die Samen in Papiertüten oder kleine Gläser und beschrifte sie mit Sorte, Erntejahr und Besonderheiten.
Wie lange Samen keimfähig bleiben und wie du sie richtig lagerst, steht in Keimprobe und Saatgut lagern.
Samen von Kräutern und Blumen
Besonders leicht gelingt die Saatgutgewinnung bei vielen Kräutern und Sommerblumen. Dill, Koriander, Ringelblumen, Kapuzinerkresse, Kornblumen und Sonnenblumen bilden reichlich Samen, die du einfach ernten kannst, wenn die Samenstände braun und trocken sind. Stülpe eine Papiertüte über reifende Samenstände, damit die Samen nicht herausfallen oder von Vögeln gefressen werden.
Lass die geernteten Samenstände einige Tage in der Tüte nachtrocknen, schüttle die Samen dann heraus und entferne grobe Pflanzenteile. Kräuter- und Blumensamen sind ein schönes Geschenk und lassen sich gut auf Saatgutbörsen tauschen.
Genug Pflanzen für gesunde Sorten
Wer Saatgut von Fremdbestäubern wie Kürbis, Kohl, Möhren oder Mais gewinnen möchte, sollte nicht nur eine einzige Pflanze verwenden. Werden über Jahre immer nur die Samen weniger Pflanzen vermehrt, verliert die Sorte an genetischer Vielfalt, und die Pflanzen können mit der Zeit schwächer werden. Nimm deshalb Samen von möglichst vielen gesunden Pflanzen und mische sie.
Bei Selbstbestäubern wie Bohnen, Erbsen, Tomaten und Salat ist das weniger kritisch, aber auch hier lohnt es sich, Samen von mehreren Pflanzen zu nehmen. So bleibt die Sorte widerstandsfähig und passt sich langsam an deinen Garten an.
Keine Krankheiten weitergeben
Manche Krankheiten werden über das Saatgut übertragen, etwa bestimmte Pilz- und Viruserkrankungen bei Bohnen. Gewinne Samen deshalb nur von gesunden, kräftigen Pflanzen und markiere die besten Exemplare schon während der Saison mit einem Band. Kranke oder schwache Pflanzen sind für die Saatgutgewinnung tabu.
Häufige Fragen
Darf ich selbst gewonnenes Saatgut weitergeben?
Für den eigenen Garten kannst du Saatgut frei vermehren. Die Weitergabe im privaten Rahmen, etwa beim Tausch unter Hobbygärtnern, ist üblich. Der gewerbliche Verkauf ist dagegen rechtlich geregelt, und für geschützte Sorten gelten besondere Regeln.
Kann ich Samen aus gekauften Tomaten nehmen?
Viele Supermarkt-Tomaten sind F1-Hybriden. Aus ihren Samen wachsen Pflanzen mit unvorhersehbaren Eigenschaften. Für einen Versuch ist das spannend, für eine verlässliche Ernte nimm samenfestes Saatgut.
Wie viel Saatgut brauche ich?
Meist viel weniger, als eine einzige Pflanze liefert. Eine Tomate bringt Hunderte Samen, eine Bohnenpflanze genug für eine ganze Reihe. Der Rest eignet sich wunderbar zum Tauschen.
Wie lange halten selbst gewonnene Samen?
So lange wie gekaufte Samen derselben Art, wenn sie gut getrocknet und kühl, trocken und dunkel gelagert werden. Prüfe ältere Samen vor der Aussaat mit einer Keimprobe. Mehr dazu im Ratgeber Keimprobe und Saatgut lagern.
Muss ich das Saatgut beschriften?
Unbedingt. Notiere auf jeder Tüte die Art, die Sorte, das Erntejahr und Besonderheiten wie die Herkunft oder Beobachtungen zur Pflanze. Nach einem Jahr weiß sonst niemand mehr, welche Tomate in welcher Tüte steckt. Bewahre die Tüten in einer Kiste nach Arten sortiert auf, dann findest du im Frühjahr schnell, was du suchst.
Ein kleiner Zettel mit Notizen zur Pflanze hilft dir im nächsten Jahr bei der Auswahl.
So entsteht nach und nach ein Saatgutvorrat, der genau zu deinem Garten passt.